Aufbruch und Mythos – 50 Jahre 68er-Bewegung in Geislingen

„The times they are a-changin“


Das Jahr 1968 markiert für die Bundesrepublik Deutschland zweierlei – den Aufbruch in eine neue Ära und das Ende der Nachkriegszeit. Die Studentenrevolte, die bereits 1967 begann, erlebte 1968 ihren Höhepunkt und krempelte damals den Universitätsbetrieb vollkommen um. Zu charismatischen Ikonen der Studentenbewegung wurden Rudi Dutschke in Berlin und Daniel Cohn-Bendit in Paris. Überall revoltierte die Jugend gegen verkrustete Gesellschaftsstrukturen, forderte in Deutschland die Aufarbeitung der verdrängten Nazidiktatur und protestierte gegen den Vietnamkrieg.

Zugleich entwickelten sich weitreichende soziokulturelle Veränderungen. Rockmusik, lange Haare, Jeans und Minirock waren äußere Kennzeichen der neuen Jugendkultur. „Make love – not war“ wurde zum Leitbegriff der Hippieszene. Die Antibabypille und die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 führten zur Sexualbefreiung dieser Generation. Die Kommune 1 stand dafür Pate. Auch die autoritären Erziehungsmethoden in der Familie und in den Schulen wurden grundsätzlich infrage gestellt.

Neue Strömungen in Kunst, Literatur und Musik eroberten die Gesellschaft und spielten sich auf internationaler Ebene ab. Kultfilme wie Easy Rider, Apocalypse Now und die Verfilmung des legendären Woodstock-Festivals trugen zum Mythos der Bewegung bei. Mit dem Slogan „Mehr Demokratie wagen“ gewann Willi Brandt 1969 die Bundestagswahl, und die neue sozialliberale Koalition leitete grundlegende Reformen ein.

Im Nachklang der 68er-Bewegung erneuerten sich die Friedens- und Frauenbewegung. Die Ökobewegung entstand aus diesen revolutionären Wurzeln, aber auch der RAF-Terrorismus der Baader-Meinhof-Gruppe.

In Geislingen entfaltete sich die Jugendbewegung zunächst an den Schulen, und es entstanden die ersten Jugendtreffs, wie das „studio“ im Haus der Begegnung, die ‚Mülltonne‘ im Martin-Luther-Haus, und später die „Krypta“ in der Kirche St. Johannes sowie das „JAF“ im Ev. Jugendheim in der Friedensstraße. 1970 organisierte das ‚studio‘ den ersten politischen Flohmarkt im Pausenhof der „Penne“. Daraus entwickelte sich im Jahr darauf der erste offizielle „Tag der Jugend“ mit Theateraufführung, Flohmarkt, Gottesdienst im Freien, Diskussionsecke mit Oberbürgermeister und Stadträten und natürlich mit dem ersten legendären Openair-Rockkonzert im Stadtpark. Damit war auch die 68er-Bewegung in Geislingen angekommen.